Klimaentscheid Frankfurt, Rundschreiben 7 2021

05 / 2021

Stadtgrün: nice to have, lebensnotwendig oder ökonomisch wertvoll?

Stadtgrün: nice to have, lebens- notwendig oder ökonomisch wertvoll?

Der gesellschaftliche Nutzen einer Landnutzung, die stärker auf Klima-, Umwelt- und Naturschutz setzt, liegt für Deutschland bei bis zu sechs Milliarden Euro pro Jahr! Mehr Grün in den Städten ist also nicht nur schön anzusehen und wohltuend für unsere Gesundheit, wir profitieren auch wirtschaftlich davon. Wie das?

Retten, was noch zu retten ist

Zunächst einmal müssen wir feststellen, dass die Natur in unserer Stadt durch die Folgen des Klimawandels bereits stark bedroht ist. Heiße und trockene Sommer haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass Parks und Wiesen verdorrt und viele Bäume krank geworden oder gar abgestorben sind. Unsere Stadtbäume leiden unter zahlreichen Stressfaktoren; schon jetzt kommt das Grünflächenamt mit der aufwendigen Pflege der Jungbäume und dem Fällen kranker Bäume nicht mehr hinterher. Im Stadtwald gibt es nur noch wenige gesunde Bäume. Unsere Förster*innen müssen nahezu hilflos dabei zusehen, wie große Waldstücke Trockenheit und Schädlingen zum Opfer fallen. Bevor wir also über ein „Mehr“ an Grün reden, müssen wir erst einmal retten, was noch zu retten ist!

So sehen inzwischen viele Bäume in Frankfurt aus (Foto: Julia Auer)

Viele der Forderungen des Klimaentscheids Frankfurt im Bereich Stadtgrün zielen darauf ab, unserer Flora und Fauna mehr Raum zu geben:

  • Wir wollen den Bäumen in unserer Stadt größere Baumscheiben mit einer besseren Belüftung, Bewässerung und Versorgung mit Nährstoffen zugestehen. Damit unsere Bäume möglichst große Chancen haben, alt zu werden.
  • Außerdem möchten wir die Begrünung städtischer Gebäude vorantreiben und Flächen entsiegeln und ökologisch aufwerten, wo es nur geht.

Fassadenbegrünung in Frankfurt (Foto: Julia Reister)

Auch beim Management des Regenwassers möchten wir Maßnahmen anstoßen. Infolge des Klimawandels gibt es immer mehr Starkregen. Dieses Wasser soll gespeichert und für die Versorgung unserer Grünflächen verwendet werden.

Es liegt auf der Hand, dass dies eine Herkulesaufgabe ist, die kein Amt allein bewältigen kann. Deshalb möchten wir eine bessere Kommunikation und Kooperation der Ämter untereinander erreichen und eine stärkere Beteiligung von Bürger*innen, z.B. in Form von Baum-Patenschaften und Pflanzaktionen, ermöglichen.

“Blühwiese” im Sommer (Foto: Julia Krohmer)

Stadtgrün: Antidepressiva, Seelennahrung & Klimaanlage

In den letzten Sommern konnten wir am eigenen Leib erfahren, wie wichtig die Natur für unser Wohlbefinden ist. Bäume verbessern unser Klima: sie reinigen die Luft und spenden wohltuenden  Schatten.  Sie wirken wie ein Antidepressivum, wie eine Studie in Leipzig vor kurzem feststellte. Der Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und Stadtgrün ist besonders deutlich bei finanziell schlechter gestellten Menschen – also jener Bevölkerungsgruppe, die für Depressionen besonders anfällig ist. „Unser Ergebnis deutet darauf hin, dass Straßenbäume dazu beitragen können, die Lücke der gesundheitlichen Ungleichheit zu schließen“, sagt Melissa Marselle, die Hauptautorin der Studie.

(Foto: Pixabay)

Ein Aufenthalt im Wald wirkt positiv auf die Gesundheit. Nachgewiesen sind außerdem Stressreduktion und eine positive Auswirkung auf den Schlaf, wie Forscherinnen an der Ludwig-Maximilians-Universität in München festgestellt haben. Stadtgrün wirkt der Überwärmung entgegen und trägt zur Erholung z.B. in warmen Sommernächten bei. Dadurch hat  es auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen, weil es Ausgaben für Krankheitskosten einspart, wie z.B. eine Studie in Australien anmerkt.

Wenn Naturschutz gegen wirtschaftliche Interessen abgewogen wird, reichen diese Argumente häufig nicht. Denn viele Funktionen von Ökosystemen sind nicht sichtbar: „Wir merken nicht, dass es die Bäume sind, die das Stadtklima im Sommer erträglich halten. Oder wie ein brachliegendes Areal am Rande einer Wohnsiedlung große Mengen Regenwasser im Boden versickern lässt und somit Überschwemmungen verhindert“, schreibt die BMBF-Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FEdA) in einem Artikel auf ihrer Website. Daher sei es hilfreich, den Wert der Natur in Form sogenannter  “Ökosystemleistungen” zu beziffern.

Ökosystemleistungen: Natur hat einen hohen ökonomischen Wert

Unter „Ökosystemleistungen“ versteht man den Nutzen, den Menschen von gesunden Ökosystemen haben, ausgedrückt als finanzieller Wert. Die BMBF-Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FEdA) schreibt z.B. auf ihrer Website, dass „die weltweite Bestäubung von Nutzpflanzen durch Insekten einen ökonomischen Wert von geschätzt 400 Milliarden Euro pro Jahr hat. Das ist mehr als der Haushalt der Bundesrepublik Deutschland“.

Auch die Vereinten Nationen beziehen sich in ihren Zielen für nachhaltige Entwicklung unter anderem auf den Begriff der Ökosystemleistungen. Eine neue Studie der University of Cambridge stellt fest, dass unberührte Natur mehr einbringt als Agrarflächen: „Die Forscher analysierten 62 Gebiete weltweit. Demnach ist der ökonomische Nutzen von Ökosystemleistungen wie Kohlenstoffspeicherung und Hochwasserschutz häufig größer als jener, der durch Forstwirtschaft oder den Anbau von Getreide, Zucker oder Kakao erzielt wird“ (Spiegel.de).

Wenn Deutschland bei seiner Landnutzung stärker auf Klima-, Umwelt- und Naturschutz setzen würde, könnte das zu einem gesellschaftlichen Nutzen von bis zu sechs Milliarden Euro pro Jahr führen, stellt das Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung in einem neuen Forschungsprojekt fest. „Neben verringerten Treibhausgasemissionen würde das Land von einer erhöhten Biodiversität, einer Verminderung von Schadstoffeinträgen in Grund- und Oberflächengewässer sowie einem vielfältigeren Landschaftsbild und dadurch einem erhöhten Erholungsnutzen für die Menschen profitieren“.

Aurorafalter an Knoblauchsrauke (Foto: Julia Auer)

Eine Studie in Australien stellt fest, dass der Schatten von Bäumen Wasser spart und den Stromverbrauch reduziert sowie die Lebensdauer von Asphalt erhöht. Naturwissenschaftlich gut untersucht und dokumentiert ist auch die Speicherung von Kohlenstoff in Biomasse und Böden der städtischen Grünflächen. Eine Reihe von Studien hat die Bereitstellung von Lebensräumen und Auswirkungen auf die städtische Biodiversität untersucht. Auch der städtische Wasserhaushalt wird reguliert – insbesondere durch den Wasserrückhalt und damit die Entlastung städtischer Abwasserinfrastrukturen (vgl. Artikel). So werden Kosten für die technische Wasseraufbereitung reduziert und Schadensrisiken durch Überschwemmung gesenkt (vgl. hier).

Eine repräsentative forsa-Studie der Initiative „Grün in die Stadt“ des Bundesverbandes Garten, Landschafts- und Sportplatzbau e.V. (BGL) hat die Zufriedenheit der Bevölkerung mit städtischen Grünflächen erfragt. Sie stellt fest, dass mehr urbanes Grün auch Vorteile für Kultur und Wirtschaft bringen würde. 92% der Befragten sagten, dass mehr Grün die Aufenthaltsqualität im urbanen Raum verbessern würde. 70% der Befragten würden länger in Städten verweilen und 73% denken sogar, dass mehr Grün das Shopping-Erlebnis bereichern würde. Vor allem für Jüngere ist Stadtgrün ein Grund, die Innenstädte aufzusuchen. Gerade in der Coronazeit sind städtische Grünflächen jedoch einem hohen Nutzungsdruck ausgesetzt und bräuchten viel mehr Pflege.

(Foto: Pixabay)

Der Kurzbericht für Entscheidungsträger*innen der Technischen Universität Berlin “Naturkapital Deutschland – TEEB DE” (2016) zitiert die “Life-Satisfaction-Methode” von Krekel et al. (2016). Diese Methode stellt die Erreichbarkeit von Grünräumen in einen Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit der Einwohner*innen. Die Zufriedenheit wird in  zusätzlichem Einkommen ausgedrückt. Sie errechneten, dass ein Hektar zusätzliche Grünfläche eine Lebenszufriedenheit für die Anwohner*innen einbringen würde, die einem Zusatzeinkommen von 276 Euro pro Jahr und Einwohner*in entspräche. Für eine Parkanlage in Berlin-Wilmersdorf ergibt sich als Gesamtwert eines Hektars öffentlicher Grünfläche für alle Einwohner*innen im Umkreis von 1 km ein Wert von ca. 1.049.000 Euro pro Jahr. Der Immobilienwert eben dieser Fläche beträgt lediglich 450.000 Euro pro Jahr.

Bewertungstool zeigt: Ökologische Aufwertung bringt Gewinn

Das Forschungsprojekt des BMBF „Stadtgrün wertschätzen“ des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) (2016-2019) hat ein Bewertungsinstrument entwickelt. Dort wird der Wert von Stadtgrün und dessen Ökosystemleistungen für die Stadtbevölkerung sichtbar gemacht und ihre Wertschätzung in Geldbeträgen ausgedrückt. In vier Städten (Augsburg, Karlsruhe, Nürnberg und Leipzig) wurde eine Bestandsaufnahme gemacht und festgestellt, dass Handlungsbedarf besteht: vor allem bei der internen Abstimmung der Verwaltung, aber auch bei der Kommunikation gegenüber Politik, Fachöffentlichkeit und Bevölkerung. Auch die Biodiversität sei in vielen Städten noch ein eher untergeordnetes Thema. Viele Städte hätten Anpassungsstrategien an den Klimawandel entwickelt, offen bliebe jedoch häufig die Frage, wie die Stadtverwaltung ihre Strategie umsetzen und verstetigen könne. Um Städte bei der Entwicklung und Implementierung ihrer Klima- und Biodiversitätsziele zu unterstützen, hat das Projektteam deshalb entsprechende Handlungsanleitungen entwickelt. Entstanden sind ein Kommunikations- und ein Partizipationsleitfaden sowie ein Weiterbildungsmodul für Kommunen (vgl. Policy Paper für kommunale Akteure).

Das vom Projekt entwickelte Bewertungs-Tool berechnet den Wert von Ökosystemleistungen pro Stadt und Jahr. Zur Veranschaulichung wurden verschiedene Szenarien für die Entwicklung von Stadtgrün durchgerechnet. Ein sehr ambitioniertes („theoretisches“) Szenario für die Stadt Leipzig sieht z.B. einen Zusatznutzen von 62 Mio. Euro im Jahr, wenn sie ihr Begrünungspotential ausschöpft (vgl. Abb. unten). Den entstehenden Kosten kann das Bewertungs-Tool also hohe Ökosystemleistungen entgegenstellen. Pro Quadratkilometer Stadtfläche ergibt sich in Abhängigkeit von der Bevölkerungsdichte, der bestehenden Grünausstattung und weiteren Parametern ein Mehrwert von bis zu vier Millionen Euro pro Jahr im Innenstadtbereich.

Bildunterschrift: Abb. aus aus Artikel “Stadtgrün wertschätzen” in GAIA 28/4 (2019), S. 392 – 393 (https://doi.org/10.14512/gaia.28.4.14)

In der Studie wurden auch die “kulturellen Ökosystemleistungen” untersucht. Eine Umfrage unter den Bürger*innen ergab, dass es eine hohe Wertschätzung für Stadtgrün gibt, die sich auch in Form einer “Zahlungsbereitschaft” niederschlägt: die Befragten würden im Schnitt je 8,40€ für einen zusätzlichen Baum pro 100 m Straße ausgeben. Bürger*innen können sich auf der Grundlage dieser Studienergebnisse künftig mit mehr Nachdruck dafür aussprechen, dass ihre Steuergelder für mehr Grün- und Freiflächen ausgegeben werden.

Global gesehen sind die Summen, die für den Schutz der Natur ausgegeben werden, lächerlich gering, wie der oben erwähnte Report zur Ökonomie der Biodiversität des britischen Wirtschaftswissenschaftlers Partha Dasgupta an der University of Cambridge feststellt. Die Nationen der Erde zahlten in Form von Subventionen für Landwirtschaft, fossile Kraftstoffe, Energie, Fischerei und Düngemittel rund 500 Milliarden US-Dollar jährlich, um die Natur auszubeuten und zu zerstören. Für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen dagegen gäbe die Menschheit nur zwischen 78 und 143 Milliarden Dollar jährlich aus – das sind 0,1 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung!

In Frankfurt sehen die Zahlen ähnlich aus: Die Stadt gab 2020 1,23% ihres Gesamthaushalts für Grün- und Freiflächen aus. Für den Stadtforst waren es 3,54€.

(Foto: Frankfurter Stadtwald, Julia Reister)

Fazit: Wir können unsere Natur besser gegen kommerzielle Interessen verteidigen, wenn wir ihren Nutzen finanziell bewerten können. Dabei schenkt uns die Idee der Ökosystemleistungen wichtige und schlagkräftige Argumente. Es reicht jedoch nicht aus, der Natur einen ökonomischen Wert zu geben und ein Preisschild umzuhängen. Wir müssen sie wertschätzen als das, was sie ist: unser Zuhause und unsere Lebensgrundlage. Das sind wir uns und den zukünftigen Generationen schuldig.

Was kannst Du tun?

Unterstütze den Klimaentscheid Frankfurt. Sobald wir in die Unterschriftensammlung gehen, benötigen wir auch Deine Unterschrift. So signalisierst Du den Entscheidungsträger*innen in unserer Stadt, dass es ein deutlich höheres Budget und konkrete Maßnahmen braucht, um u.a. unser Stadtgrün zu erhalten. Als verfassungsrechtliches Instrument der Bürger*innen in Deutschland gibt uns der Klimaentscheid die Möglichkeit, aktiv mitzubestimmen und unsere Stadt auch für die Zukunft lebenswert zu machen. Diese Chance wollen wir nutzen!

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