Klimaentscheid Frankfurt, Blogbeitrag 4 2021

5 / 2021

Warum brauchen wir das CO2-Restbudget-Konzept?

Warum brauchen wir das CO2-Rest budget-Konzept?

Eine ausführliche, fünfzigseitige Auseinandersetzung mit dem CO2-Restbudget-Konzept findet sich in „Pariser Klimaziele erreichen mit dem CO2-Konzept“, im 1.Kapitel des Umweltgutachtens 2020 des Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesregierung (SRU).

Das 1,5°C-Ziel ist völkerrechtlich und wissenschaftlich begründet

Das Pariser Klimaabkommen von 2015 verpflichtet die Unterzeichnerstaaten völkerrechtsverbindlich, die Erderwärmung auf „deutlich unter 2 °C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen“ und „Anstrengungen zu unternehmen, sie auf 1,5°C zu begrenzen“. Dabei gilt der „Grundsatzes der Gerechtigkeit und der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und jeweiligen Fähigkeiten angesichts der unterschiedlichen nationalen Gegebenheiten.“ Für alte, reiche, technologisch fortgeschrittene Industriestaaten heißt das, dass sie einen größeren Beitrag zur Erreichung des gemeinsamen Zieles zu leisten haben.

Zudem hat der Sonderbericht „1,5-Grad globale Erwärmung“ des Weltklimarates (IPCC) von 2018 das 1,5°-Ziel wissenschaftlich gut begründet, da bei einer stärkeren globalen Erwärmung Risiken irreversibler und unbeherrschbarer Instabilitäten des Erdsystems entstehen.

Warum brauchen wir das CO2-Restbudget-Konzept?

Wir können uns das am Beispiel eines Bankkontos vorstellen: wenn wir regelmäßig mehr ausgeben als einnehmen, unser Bankkonto aber nicht überziehen dürfen, müssen wir – fixe Einnahmen vorausgesetzt – unsere Ausgaben den Einnahmen angleichen. Würden wir unserer Bank sagen, dass wir das monatliche Defizit von 600 € jeden Monat gegenüber dem Vormonat um 5€ reduzieren werden, würde kein Mensch auf die Idee kommen, dieser „Lösung“ des Problems zuzustimmen, ohne den aktuellen Kontostand zu kennen. Ob die Addition der monatlichen Defizite in den 10 Jahren bis zum Erreichen eines ausgeglichenen monatlichen Saldos das aktuell verfügbare Guthaben überschreitet oder nicht, wäre ja reiner Zufall.

Ähnlich verhalten sich jedoch die Verantwortlichen auf allen politischen Ebenen (EU, Bund, Land, Kommune), wenn sie sich zum Pariser 1,5°C-Ziel bekennen und zur Einhaltung dieses Zieles CO2-Neutralität bis 2050 versprechen, selbst wenn sie Zwischenziele für 2030 angeben, z.B. eine Reduktion um 50% gegenüber 1990. Woher wollen sie wissen, ob sie damit das propagierte 1,5°C-Ziel einhalten?

Worauf basiert das CO2-Restbudget-Konzept?

Weil zwischen der Gesamtmenge der anthropogenen CO2-Emissionen und der Erderwärmung ein nahezu linearer Zusammenhang besteht (s.o. Graphik S. 41 SRU 2020) konnte der IPCC 2018 im o.g. 1,5°C-Sonderbericht in Kap.2, Tabelle 2.2, S.108, das CO2-Restbudget eintragen, dass sich aus der Wahl einer max. Erwärmung (z.B. 1,5, 1,75 oder 2°C) und der Wahl der gewünschten Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung (33/50/67%) ergibt. (Diese Tabelle wird vermutlich im nächsten IPCC-Sachstandsbericht Ende 2021/Anfang 2022 aktualisiert) Dieses globale Restbudget lässt sich im Verhältnis zur Einwohnerzahl auf nationale oder auch kommunale Ebene beziehen, wobei historische Emissionen vernachlässigt werden. Unter Einbezug historischer Emissionen hätte Deutschland sein CO2-Budget bereits aufgebraucht (SRU 2020 S.50)

Wie hoch ist das CO2-Restbudget?

Auf dieser Tabelle basieren die CO2-Restbudget-Rechnungen für Deutschland von SRU (s.o. S.52). Demnach beträgt das deutsche CO2-Restbudget (1,1% der Weltbevölkerung) ab 2020 zum Erreichen eines 1,75°C-Zieles mit 67% Wahrscheinlichkeit 6,7 GT. Bei der gesamten Rechnung ist nur das sich in der Atmosphäre dauerhaft anreichernde CO2 berücksichtigt. Andere Treibhausgase (Methan, Lachgas u.a.) werden nicht betrachtet. Ebenfalls unberücksichtigt bleiben die 100 GT, die in der IPCC-Tabelle für den Fall von tauendem Permafrost angegeben sind, was leider bereits im Gange ist.   Deutschlands Anteil am internationalen Luft- und Schiffsverkehr ist ebenfalls nicht berücksichtigt.
Laut Umweltbundesamt sanken die THG-Emissionen (alle Gase) 2020 um 8,7 %. Damit wäre 2020 645 MT CO2 emittiert worden. Das CO2-Restbuget für Deutschland läge bei ca. 6 GT ab 2021 (1,75°C/67% Wahrscheinlichkeit). 

Anteilig hätte Frankfurt mit 0,91% der deutschen Bevölkerung davon 54,6 Mio T CO2-Restbudget. Von den CO2-Emissionen in 2020 entfielen rechnerisch auf Frankfurt 5,9 Mio T. (Aktuelle Zahlen für Frankfurt liegen nicht vor). Würde Frankfurt in den folgenden Jahren diese Menge an CO2-Emissionen freisetzen, würde sein Restbudget für das 1,75°C-Ziel (67% Wahrscheinlichkeit) im 2. Quartal 2030 überschritten, bei linearer Reduktion der Emissionen Mitte 2039.

Die für das wachsende Frankfurt mangels aktueller Daten zugrunde gelegten anteiligen Werte dürften eher zu optimistisch sein und die nicht nachhaltige Emissionsminderung in 2020 durch die Pandemie stellt einen ebenfalls optimistischen Ausgangswert für die kommenden Jahre dar.

Vor allem aber ist das eigentliche Ziel einer max. Erwärmung von 1,5°C gut begründet, wird auch von der Stadt Frankfurt propagiert und 67% Wahrscheinlichkeit für die Zielerreichung erscheinen eher wenig, als zuviel. Wenn wir uns auf ein 1,75°C-Ziel beziehen, bei dem global gesehen vermutlich hunderte Millionen mehr Menschen von der Klimakrise negativ betroffen sein werden und auch für Frankfurt die Folgen von Hitze, Dürren und Wetterextremen deutlich gravierender ausfallen werden, dann deshalb, weil das eigentlich notwendige 1,5°C-Ziel aufgrund mangelhafter Klimapolitik bereits als nicht mehr erreichbar ansehen. Das sollte dann aber auch deutlich gesagt werden.

Wenn wir also das CO2-Restbudget berücksichtigen, dann wird transparent, dass selbst auf Basis der Corona-bedingt verringerten CO2-Emissionen in 2020 und etlicher weiterer nicht berücksichtigter Faktoren, zum Erreichen des angestrebten 1,5°C-Ziel, CO2-Neutralität bei linearer Reduktion bereits in weniger als 6 Jahren, 2027 erreicht sein müsste und nicht erst in 29 Jahren, 2050. Die Rechnung zeigt also, dass die derzeitigen Klimapläne in ihrem Ambitionsniveau das Ziel bei weitem verfehlen, von den Umsetzungsdefiziten ganz abgesehen.

Warum das CO2-Rest-Budget-Konzept wichtig ist, auch wenn das damit errechnete Ziel unerreichbar scheint?

Das CO2-Restbudget Konzept schafft Transparenz in Bezug auf unsere Klimaziele und macht deutlich, dass das wichtige 1,5 °C-Ziel., das vor Instabilitäten des Erdsystems bewahren soll, wenn überhaupt, nur noch mit radikalen sofortigen Emissionsminderungen erreicht werden könnte. Das bedeutet, dass jede heute emittierte, durch entsprechende Maßnahmen vermeidbare Tonne CO2, langfristig zu einer höheren Erderwärmung beiträgt.

Da jedes zusätzliche Zehntel-Grad Erderwärmung die Risiken erhöht, Klima-Kipppunkte zu überschreiten und das Erdsystem in einen instabilen Zustand zu versetzen, hilft das CO2-Restbuget-Konzept zu verstehen, was es bedeutet, wenn Klimawissenschaft und -bewegung davon sprechen, dass wir für die notwendige Transformation unserer Wirtschafts- und Lebensweise keine Zeit mehr zu verlieren haben.

Auch Verfahren zum Entzug von CO2 aus der Atmosphäre (Negativemissionen, CCS) bieten hier keinen Ausweg. Einerseits weil sowieso schon für alle IPCC-1,5°C-Szenarien davon ausgehen, dass die 1,5°C-Marke temporär überschritten wird und in der zweiten Jahrhunderthälfte Negativemissionen erforderlich sind. Andererseits weil die technischen Verfahren unausgereift sind, teurer als vorherige CO2-Einsparungen und mit Risiken behaftet sind, sowie keinesfalls ausreichen würden, um eine unzureichende CO2-Reduktion im Vertrauen auf diese Verfahren zu kompensieren (s.o. SRU 2020 S. 62 ff.).

Wir müssen also davon ausgehen, dass das, was wir heute klimapolitisch tun oder unterlassen, sich für hunderte und tausende von Jahren auf das Erdsystem auswirkt. Wir riskieren, dass eine über 1,5°C oder gar über 2°C erwärmte Welt kein stabiles System mehr darstellt, weil sich selbst verstärkende Prozesse auch nach Erreichung globaler CO2-Neutralität für weitere Erwärmung sorgen.

Mir hat das CO2-Restbudget-Konzept geholfen zu verstehen, dass es heute zwar noch unvermeidliche, aber keine ungefährlichen CO2-Emissionen mehr gibt. Die vermeidbaren müssen also sofort vermieden werden und die heute noch unvermeidbaren so schnell wie möglich. Für die Politik sind solch langfristige Überlegungen offenbar leider systematisch verstellt. Das dürfte ein Grund sein, warum auf allen Ebenen der Politik bislang ein CO2-Restbudget-Konzept, das die Wahrheit über die propagierten Klimaziele, -pläne und -maßnahmen sagt, bislang erfolgreich vermieden wurde.

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